Vera Chimscholli ihr sein TextBlog

Splitter von weit weg

Posted in Leben, W wie Vera, Welt by Vera Chimscholli on Mittwoch, November 7, 2007

Woran ich heute Morgen gemerkt habe, dass ich zurück bin? An den Funkspots. Nicht etwa, weil ich deren Sprache jetzt wieder verstünde, sondern deshalb: Spot 1 fängt an mit „Es ist nie zu früh, blabla„, Spot 2 fängt an mit „Es ist nie zu spät, blabla„. Ach ja, die Werbung hat mich wieder.

Dabei war ich doch nur zehn Tage auswärts. Und wirklich Anderland war das nicht. Im Gegenteil. Jeder Versuch in der Landessprache zu kommunizieren, wurde mit einem irritierten, fast schon empörten Blick kommentiert. Da lässt man es halt irgendwann und verfällt der Illusion eines Deutschlands unter Palmen.

palmen.jpg

Dass es sich beim überwiegenden Teil des ständig wechselnden Bewohnerbestandes dieser Anlage um Teutonen handelte, war sogar mit geschlossenen Augen erkennbar. Inhaber eines Reisepasses mit dem Staatsangehörigkeitseintrag „deutsch“ verrieten sich durch ihr lautstarkes und durchdringendes Bölken, das ja nun auch ich als Gastgeschenk mit auf die Insel gebracht hatte. Zwar linderten laue Luft und Dauersonne die Folgen des grippalen Infektes, doch nur, um einige Tage später um so heftiger zurück zu kehren – Zauberberg-Feeling ohne Aufpreis. Mein Vorschlag, den Namen des Reiseveranstalters noch eindeutiger zu anglifizieren und dann in „1, 2 flu“ zu ändern, stieß allerdings auf wenig Gegenliebe.

Dafür führte mich jemand zurück zu einer alten Liebe. Marcel Reich-Ranickis Autobiographie Meine Leben vermittelt so viel Leidenschaft für Literatur, die einfach ansteckend ist und schlichtweg Lust auf ein Wiederentdecken vieler Klassiker macht. Zwei Tage lang war sein Buch mein ständiger Begleiter. Mehr dazu auch bei Frau Gröner.

Bei einem anderen Autoren fand ich indes endlich eine Erklärung für ein unbestimmtes Gefühl, das bereits mein ganzes Leben an mir nestelt: Ich habe keinerlei Beziehung zu Frankreich und weiß nicht warum.

Da könnte man annehmen, Geschehnisse aus der Vergangenheit hätten … Bullshit. Nichts der Gleichen. Italien, Spanien, England, die Niederlande, Irland, Norwegen – alles Länder mit denen ich etwas verbinde. Aber Frankreich … geht nicht.

Nun denn, Ulrich Tukur hat mir mit seinem Buch Die Seerose im SpeisesaalVenezianische Geschichten – endlich die Antwort geliefert.

Nach einem heftigen Disput bittet er seine Freundin K. um das berühmte klärende Gespräch, in dessen Verlauf beide einen geeigneten Ort für den gemeinsamen Neubeginn suchen

[…] und ich fragte, unter welchen Bedingungen sie bereit wäre, unsere in der schottischen Heide verdorrte Liebesgeschichte wiederzubeleben. Nicht in Deutschland, sagte sie. Ich bot Frankreich an; sie lehnte ab, Franzosen seien wie Deutsche, die Italiener spielten. […]

So leicht lassen sich Jahrzehnte unerklärlich gebliebener Disharmonien auflösen und zumindest für mich begreiflich machen.

Der Wahlvenezianer Tukur erzählt in seinem Erstling Episoden aus seiner Stadt. Inspiriert von Geschichten und Erzählungen der Menschen dort, hat er diese als Basis genommen und auf seine Art weiter erzählt. Mal morbide, oft surreal, nicht selten fantastisch; aber immer sprachlich elegant. Doch auch Persönliches gibt der Mime preis. Zum Beispiel die Geschichte, wie er es schaffte, dass Steven Soderbergh ihm die Rolle des Gibarian in der Neuverfilmung von Solaris gab. Insgesamt lesenswert.

Deutliche Spuren hat dieser Urlaub hinterlassen. Auf den Hüften, obwohl ich mich ausschließlich an die einheimische Küche mit viel Fisch gehalten habe. Auf dem Seelenplateau, denn das ist nach einer zehntägigen Auszeit bedeutend ebener geworden. Und auf der Haut, weil dieses Zugehörigkeitsbändchen, das ich noch am Abreisetag vor Ort entfernt habe, einen deutlichen weißen Streifen hinterlassen hat.

fuerte-hand.jpg

Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli

Eine Antwort

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  1. Ninifaye said, on Freitag, November 9, 2007 at 13:45

    Lesen und Urlaub.
    Seit Eintritt in die Arbeitswelt mein undynamisches Duo schlechthin…


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