Vera Chimscholli ihr sein TextBlog

Gehversuche

Posted in Alltag, Angst, Leben by Vera Chimscholli on Mittwoch, Juli 4, 2007

21 Tage Leben in Sterillium geschwängerter Krankenhausluft hinterlassen tiefe Spuren an Körper und Seele. Die Knie sind weich und das Riesenknäuel Watte im Kopf wird auch durch das Trinken der empfohlenen drei Liter Wasser pro Tag nicht zum Schrumpfen gebracht.
Endlich lassen sich den Geräuschen, die tagein tagaus auf dem Zimmer zu hören waren, Gegenstände, Ereignisse und Personen zuordnen. Es wird gebaut. Ein neuer Krankenhausflügel steht kurz vor der Fertigstellung. Der endgültige Bauschluss wird ein Segen für alle Patienten im alten Flügel sein.

Jede Faser schmerzt. Dauerndes Liegen ist keine Entspannung. Mir kommt der Begriff der „faulen Haut“ in den Sinn. So viel schneller, als man annehmen mag, wurde aus einer meiner Lieblingsbeschäftigungen – sinnentleertes Rumgammeln – eine Tortour. Dabei war ich nur Begleitperson. Wann immer ich wollte, konnte ich aufstehen, im Zimmer umhergehen, über den Flur laufen oder Treppen steigen.

Er konnte das nicht. Und er wollte es auch nicht. Dabei gibt es doch für einen Sechsjährigen kaum etwas Großartigeres, als die mit jeder Minute weiter wachsenden Kräfte an seiner Umwelt zu messen. Doch ein viermal am Tag verabreichter Cocktail aus drei unterschiedlichen Schmerzmitteln, darunter Morphin, lähmen nicht nur den Schmerz, sondern auch den stärksten Willen.
Diese Prozedur ließ die Eltern und mich, angesichts des kleinen, hilflosen Körpers, mit jeder Stunde mehr zweifeln, wurde jedoch von den Ärzten als angezeigte Therapie angesehen, um sein Leid auch während der folgenden Untersuchungen so gering wie möglich zu halten.
Zu diesen Untersuchungen zählten neben EEG und drei MRT-Aufnahmen auch fünf Lumbalpunktionen, deren Ergebnis allerdings keinerlei Aufschluss über den Grund für die Entzündung des Gehirns gab. Telefonisch anberaumte Konsile mit Spezialisten in Hannover und Köln brachten zwar die Bestätigung, dass es sich um einen ungewöhnlich schweren Fall handele, waren jedoch von einer klaren Diagnose weit entfernt. So entschied man sich für die vorbeugende Behandlung mit Aciclovir.

Wie jedes Medikament, so hat auch dieses recht erhebliche Nebenwirkungen. Eine davon ist, dass es die Venen, in die es mittels eines Tropfs eingebracht wird, angreift. In der Folge war jeder Zugang nach nur einem Tag nicht mehr zu gebrauchen und musste neu gestochen werden. Nach unzähligen Blutentnahmen, intravenösen Zugängen für Nährlösungen und der 14-tägigen Gabe des Aciclovirs, glaubt man keine Stelle am Arm des Kleinen mehr finden zu können, an der nicht bereits eine Nadel gesteckt hätte.

Und wie es häufig in solchen Fällen ist, geschehen dann auch noch Dinge, die einfach nicht geschehen dürfen.

Um die orale Einnahme von Medikamenten für die Kinder zu erleichtern, war man in diesem Krankenhaus dazu übergegangen, Präparate, die als Saft verabreicht werden, auf Einwegspritzen zu ziehen und sie dann in den Mund zu spritzen. Dieses spielerische Moment hilft den Kindern bei der Einnahme ungemein.

Als ich nun eines Abends auf der Besucherliege neben dem Krankenbett saß und las, kam eine Schwester und brachte eine Spritze mit Paracetamolsaft. Da der Kleine schlief, bat ich sie, die Spritze auf den Nachttisch zu legen; später wollte ich sie ihm dann geben.
Einige Zeit danach schrillte der Alarm des Infusionsgerätes. Ein Pfleger kam, tauschte die leere Ampulle gegen eine volle aus und ging wieder. Schließlich wachte der Kleine auf und ich stakste um das Bett herum zum Nachttisch, um ihm den Paracetamolsaft aus der Spritze zu geben. Doch die Spritze war nicht mehr da.

Beunruhigende Gedanken trieben mich aus dem Raum in Richtung Schwesternzimmer, wo ich den Pfleger fragte, ob er womöglich die Spritze mit dem Saft versehentlich in die Infusion injiziert habe? Doch er verneinte und erwiderte, dass sie zum Spülen der Infusionsschläuche immer Kochsalzlösung verwenden würden. Zwei Spritzen mit NaCl-Lösung lagen jedoch unangetastet in einem Körbchen auf dem Tisch.

Für mich war das Schlimme an diesem Zwischenfall nicht etwa, dass er überhaupt passierte, sondern wie damit umgegangen wurde. Der Pfleger hatte nur einen Gedanken: »Wie kann ich meinen Arsch retten?« Es dauerte 20 Minuten, bevor er sich entschloss, einen Arzt zu informieren. Dieser konnte mir nicht sagen, was intravenös verabreichter Paracetamolsaft in einem Körper bewirken kann. Da die Spritze immerhin bereits über zwei Stunden dort gelegen habe, sei klar, dass sie verunreinigt war und durch die intravenöse Gabe jede Menge Bakterien in den Körper gelangt seien. Bezüglich der Wirkung des intravenös verabreichten Saftes auf das Organsystem könne er so nichts sagen, da müsse er erst in der Vergiftungszenrale anrufen, um das zu klären.

In diesem Moment bin ich ausgerastet. Vermutlich habe ich rumgetobt. Ich erinnere mich nur noch, dass der zwischenzeitlich auf drei angewachsene Ärztehaufen plötzlich zu laufen anfing, um den Kleinen für die nächsten 24 Stunden in einem Raum mit Intensivüberwachung unterzubringen.
Es stellte sich schließlich heraus, dass die intravenöse Gabe dieses Saftes keinerlei Schädigungen des Körpers zur Folge hat. Dieser Saft. Es hätte aber auch jeder andere sein können. Zum Beispiel einer, der nicht auf Wasser- sondern auf Ölbasis hergestellt wird. Und dann wäre dieser Zwischenfall ganz anders ausgegangen.

Über das hätte, wäre, wenn gerät man ins Grübeln. Was, wenn ich nicht durch Zufall da gewesen wäre und es bemerkt hätte? Was, wenn es eine andere Substanz gewesen wäre und es zum schlimmsten aller Ergebnisse gekommen wäre? Was? Unweigerlich gleiten die Gedanken in Sphären jenseits aller Erklärungen.

Inzwischen gibt es eine Diagnose. Sie lautet, wie in 50 % aller Hirnentzündungen anscheinend auch, dass man keine genaue Diagnose stellen kann. Die Ärzte sprechen von einer postinfektiösen Entzündung, d. h. es hat irgendwann irgendwo im Körper eine Entzündung gegeben und von dort sind Erreger ins Gehirn gewandert, um da weiter zu zündeln.

Während der letzten drei Wochen hat die Psyche des Kleinen wohl den größten Schaden genommen. Bereits das Geräusch der heruntergedrückten Zimmertürklinke ließ ihn aufschreien und wimmern, aus Angst, er würde wieder gepiekst, gestochen oder bewegt. Da man die Schmerzmedikamente inzwischen auf ein Minimum reduziert hat, wurde er heute aus der Klinik entlassen. Laufen kann er nicht. Dafür ist er viel zu schwach. Bewegen will er sich nicht. Dafür hat er viel zu viel Angst vor Schmerzen. Dass er für viele weitere Untersuchungen erneut stundenweise in die Klinik muss, hat ihm noch keiner gesagt. Dafür ist er jetzt wieder bei Mama und Papa.

Du schaffst das, Großer
Deine Vera Chimscholli

Advertisements

5 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. eigenart said, on Donnerstag, Juli 5, 2007 at 14:49

    Das klingt ja wirklich nach extremen Wochen. Ich hoffe, das geht alles gut aus.

    Willkommen zurück, trotzdem…
    Erholen auch Sie sich mal.

  2. verachimscholli said, on Donnerstag, Juli 5, 2007 at 14:53

    Bin gerade dabei und lese die Posts der zurückliegenden Wochen. Das kann auch recht erholsam sein.

  3. Ninifaye said, on Donnerstag, Juli 5, 2007 at 17:20

    Das Blogotop hat sie vermisst.

  4. verachimscholli said, on Donnerstag, Juli 5, 2007 at 17:28

    Balsam. Danke.

  5. Mein erster Schultag « der|die|das TextBlog said, on Dienstag, September 4, 2007 at 11:38

    […] dieses epochale Ereignis angesichts des zurückliegenden Intermezzos für den Zwerg überhaupt möglich wurde, war im Grunde bereits das größte Geschenk. Doch für […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: