Vera Chimscholli ihr sein TextBlog

Nur noch Job, kaum noch Beruf

Posted in Alltag, Arbeitsweisen, Marketing, Werbung, Wie?, Wut by Vera Chimscholli on Mittwoch, Mai 23, 2007

Vorgestern ist es also erstmalig geschehen. Mein Vorsatz, hier jeden, aber auch wirklich jeden verflixten Arbeitstag einen Eintrag zu hinterlassen, ist gescheitert.

Doch nennen wir es vielleicht nicht scheitern, das klingt so hart, sagen wir einfach, der Vorsatz ist an eine Grenze gestoßen.

Nun ist das mit Grenzen ja so eine Sache; entweder, sie bremsen uns vollkommen aus und sorgen für absoluten Stillstand, oder sie fordern uns heraus, es mit ihnen aufzunehmen, sie zu übersteigen. In diesem speziellen Fall, war es eine Grenze der zweiten Sorte.

Seit geraumer Zeit hatte ich mich mit einem Kooperationskonzept für eine Marke beschäftigt, die im großen Konzertgraben der Mitspieler gleichen Talents eher dahindümpelte, als dass sie bemerkenswert Karriere machte. Eine starke Marke mit Komplementäreigenschaften als Partner könnte und sollte dies ändern. Da man die jedoch nicht wie Kaugummi aus einem Automaten zieht, galt es, sich Gedanken zu machen: Was wollen wir, wer passt, was will sie (die Marke) und wie lässt sich aus diesen unterschiedlichen Anspruchshaltungen ein attraktives Paket schnüren. Die Brautschau der Handlungsreisenden lief also auf vollen Touren.

Es dauerte gar nicht lange, da ward eine Wunschkandidatin gefunden. Groß, stattlich und schön war sie und überall auf der Welt zu Hause. Prächtig. Ihr sollten also Avancen gemacht werden.

Dazu bedurfte es nur eines überzeugenden Ansatzes, mit dem bislang noch niemand auf die Auserwählte zugegangen war. Ja, klar – kommt gleich.

Das gleich brauchte selbstverständlich eine Weile. Doch irgendwann war es da.
Herolde überbrachten die Kunde und begannen den Dialog (Drei Jahre zwischen den Schuppen eines Sahara-Geckos vergessenen Kameldung wieder weich zu bekommen, geht bedeutend schneller). Schließlich jedoch konnten Vorgespräche zur Erläuterung usw. geführt werden. Und neulich war der große Tag. Man traf sich samt Hofstaat und sollte erfahren, ob die Kuppelversuche zu etwas geführt hatten.

Um ehrlich zu sein, trug ich schon eine gehörige Portion Skepsis im Bauch. Sollte es tatsächlich gelungen sein, diese Weltmarke zu einer Kooperation zu bewegen? Gemeinsam mit uns machten sich die beiden verantwortlichen Damen aus dem Marketing unseres Kunden auf den Weg. Und so lauschten wir kollektiv dem, was da von der anderen Seite auf unsere Balz erwidert wurde.

Es war unglaublich. Sie gingen auf alles ein. Schienen sich sogar zu freuen, das gemeinsam machen zu können. Mehr noch, sie boten zusätzlich weitere Pakete an, die eine kleine Marke jäh mehrere Stockwerke nach oben katapultieren würde. Ich schwebte.

Mit einer gewaltigen Menge Glückshormonen in jeder einzelnen Zelle verließ ich das Gebäude und steuerte auf den Parkplatz zu. Dabei umschwirrte ich wie Tinker Bell unsere beiden Marketing-Damen und pustete meinen Feenstaub in Form von »Ist das nicht toll?« oder »Wahnsinn, unglaublich!« in ihre Richtung. Doch anstatt wie elektrisiert vor dem Abendhimmel hin und her zu flirren – schließlich vertraten sie in erster Linie die Marke -, kam aus dem immerhin lächelnden Mund der krönende Abschluss der ganzen Arbeit: »Ja, nett. Aber es dauerte länger als ich dachte. Ich wollte eigentlich noch shoppen gehen.« Die bittere Erkenntnis, dass IT-Girls wirklich überall hinkommen, machte mich stumm.
Und so scheiterte mein Vorsatz.

Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli

4 Antworten

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  1. leonope said, on Donnerstag, Mai 24, 2007 at 10:10

    Sieht aus als wäre wahrer Idealismus nicht mehr gefragt. Warum kenne ich nur dieses „Gefühl“?😉

  2. verachimscholli said, on Donnerstag, Mai 24, 2007 at 12:04

    Dass Idealismus keinen Spitzenplatz mehr einnimmt, kann ich ja noch nachvollziehen – schließlich glitzert, funkelt und blendet der nicht so, wie der ganze Kram von Prada und Gucci.
    Dass aber mit so wenig Identifikation und Herzblut an die eigene Arbeit herangegangen wird, schockt schon. Schließlich trägt man in diesem Bereich Verantwortung für nicht gerade kleine Etats und damit auch für Mitarbeiter und deren Zukunft.

  3. leonope said, on Donnerstag, Mai 24, 2007 at 13:17

    Herzblut ist ein richtiges Wort. Meiner Meinung nach gehört das aber zum wahren Idealismus dazu. Und was die Verantwortung betrifft: Auch dafür braucht man „beides“ um verantwortungsvoll damit umgehen zu können. Der Rest ist, wie richtig bemerkt, einfach nur Prada und Gucci🙂
    Leider sind diese „Geschöpfe“ in der Überzahl und scheren sich nicht im Geringsten um irgend jemand anderen ausser um ihren eigenen Style und ihr Image. Soziale Kompetenz ist ein Lippenbekenntnis und der nicht gerade kleine Etat ist ja nicht ihr eigenes Geld. So what? Die neuen Manolos sind da wichtiger🙂 That´s life

  4. agrav said, on Freitag, Juli 6, 2007 at 11:33

    Macht mal lieber einen Jobtest
    http://jobtest.wutfotos.de


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