Vera Chimscholli ihr sein TextBlog

How is life?

Posted in Alltag, Leben, Missgeschicke, W wie Vera, Welt, Wut by Vera Chimscholli on Montag, April 2, 2007

Dass es in letzter Zeit häufiger ordentlich Maleschen mit meinem fahrbaren Untersatz gab, habe ich hier in aller Breite bereits geschildert. Zwar gehöre ich nicht zu denen, die ihrem Auto einen Kosenamen aufzwingen, dennoch fällt es mir schwer, mich von dieser Fahrgastzelle zu trennen. Schließlich ist viel Zuneigung in die Ausgestaltung des gesamten Innenraums geflossen – und Geld inzwischen natürlich auch jede Menge.

Damit das nicht ins Uferlose geht, lasse ich die notwendigen Arbeiten nicht von einer Vertragswerkstatt machen, sondern vertraue auf die ölverschmierten Hände des Freundes eines Freundes, mit dem ein Bekannter einer guten Freundin zusammen in die Schule ging usw.

Dieser Mensch weiß alles über Autos und könnte wahrscheinlich den Konstrukteuren noch so einiges über ihre Fahrzeuge erzählen. Das will er aber nicht. Er ist zufrieden mit dem, was er hat; einen kleinen Bauerhof, die Werkstatt in der ehemaligen Scheune und endlos viele Fahrzeuge rund um das gesamte Gelände, die alle darauf warten, von ihm auf Vordermann gebracht zu werden.

Wann er das tut, steht in den Sternen. Auch darin unterscheidet er sich von einer Vertragswerkstatt. Noch nie habe ich von ihm einen konkreten Termin genannt bekommen, an dem ich mein wieder hergestelltes Auto dann hätte abholen können. Das hängt ganz davon ab, wie sehr er gerade Lust hat, etwas zu tun oder vom Vollmond oder vom Frust, den wir Frauen ihm aktuell bereiten.

Da das mit dem regelmäßigen Geld nur funktioniert, wenn die Autos auf dem Hof fortwährend abgearbeitet werden, hat sich der Herr über Kolben und Ventile einen jungen Mann an seine Seite geholt, der fast genau so viel von Karossen und Motoren versteht, wie er selbst.

Dieser Mann lebt mit seiner jungen Familie eigentlich weit jenseits der deutschen Grenzen. Weil es aber hier um ein Vielfaches lukrativer ist, sein Geld zu verdienen, pendelt er nur alle paar Monate dort hinüber. Ansonsten wohnt er in einer kleinen Kammer auf dem Hof und widmet seine ganze Kraft solch altersschwachen Möhren, wie mein Auto eine ist.
Nennen wir ihn Bogdan.

Wann auch immer ich mit meinem Wagen dort auf den Hof gefahren bin, war Bogdan da. Meist sah ich von ihm nur die Beine, die in einem ölbesudelten Overall steckten und unter einem Fahrzeug hervorlugten.

Als mich mein PKW mit letzter Kraft neulich dorthin gebracht hatte, hielt ich vergeblich nach Bogdan Ausschau. Auf meine Frage, wo er denn wohl stecke, bekam ich nur zögerlich Antwort und blickte dabei in eine betretene Miene.

Drei Tage zuvor hatte Bogdan an einem alten Käfer gearbeitet, dessen Auspuff wohl dringend geschweißt werden musste. Für solche Arbeiten gibt es in der Nähe der Scheune eine Grube. Auf die fährt man den Wagen und kann anschließend alles Notwendige von unten erledigen. Bogdan fuhr also den Käfer auf die Grube und begab sich später hinein.
Dass er kurze Zeit zuvor den Treibstoff aus einem anderen Wagen in diese Grube abgelassen hatte, vergaß der Meister Bogdan zu erzählen.

Der Knall der Verpuffung, die unmittelbar auf das Anwerfen des Schweißbrenners folgte, war weit über den Hof hinaus zu hören. Trotz seiner Verbrennungen zweiten und dritten Grades an den Händen und im Gesicht, weigerte sich Bogdan mit der Kraft, die er noch hatte, in ein Krankenhaus gebracht zu werden, aus Angst vor behördlichen Folgen.

Und da jeder Autoverrückte einen anderen Autoverrückten kennt, der noch einen Gefallen hinterher ist, rief der Meister einen seiner Kunden an – einen Arzt, dessen Kittel nicht mehr ganz so weiß war. Der ließ sich auch darauf ein, versorgte Bogdan mit Brandsalben und Morphium und bereitete ihn für einen längeren Transport vor. Für den sorgte – aber erst am folgenden Tag – Bogdans Bruder, der die Nacht hindurch gefahren war, um den Verletzten in seine Heimat zu holen.
Vom halbweißen Kittel mit weiteren Salben, aber vor allem mit noch mehr Morphium ausstaffiert, trat Bogdan die mindestens elf Stunden dauernde Rückfahrt an.
Wie und ob er es überstanden hat, wusste der Meister nicht zu sagen.

Das Leben stinkt.

Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli

3 Antworten

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  1. Ulli Kiebitz said, on Dienstag, April 3, 2007 at 09:07

    Ja.

  2. oliver said, on Samstag, Mai 5, 2007 at 08:15

    Das Leben stinkt.
    Aber nur wenn man es richt!

  3. verachimscholli said, on Samstag, Mai 5, 2007 at 15:38

    richt ig


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