Vera Chimscholli ihr sein TextBlog

Alle Jahre wieder

Posted in Alltag, Leben, W wie Vera, Welt by Vera Chimscholli on Montag, März 19, 2007

So ein Jahrgangstreffen ist doch immer wieder interessant.

Dass ich auf Photoserien stehe, in denen sich Menschen über Jahrzehnte hinweg immer wieder vor dem gleichen Hintergrund aufgenommen haben, hängt wahrscheinlich eng damit zusammen. Das Leben aus Gesichtern zu lesen, finde ich einfach faszinierend.

Und natürlich ist es so, dass einige der einstmals Wilden und höchst Durchtrainierten inzwischen recht gesetzt und entgegenkommend sind; vor allem im Bundbereich. Hingegen ist die Akne aus allen Gesichtern gewichen, und dafür muss halt jeder seinen individuellen hormonellen Preis zahlen.

Der spannendste Teil ist jedoch immer der – so ungefähr nach dem ersten kleinen Imbiss und drei Gläsern Rotwein –, in dem der eine oder andere beginnt, von sich und seinem Sein zu erzählen.

Für die meisten heißt Leben aktuell Job. Nachdem ich als Puffpianistin die obligatorischen „Ahhs“ und „Ohhs“ entgegengenommen hatte und mal wieder kläglich bei dem Versuch gescheitert war, den hehren Werbenimbus auf ein halbwegs realistisches Maß zu stutzen, konnte ich mich auf die Erzählungen der anderen konzentrieren.

Alles dabei; Rechtsanwälte, Broker, PR-Managerinnen, Manager. Puuh, nach der allgemeinen Einschätzung und Werteskala wohl ein recht erfolgreicher Jahrgang. Theaterregisseurin und ein Lehrer waren auch dabei. Und Wolfgang.

Wolfgang hat sich von allen wohl am wenigsten verändert; bis auf eine Kleinigkeit. Ansonsten war Wolfgang der Wolfgang von früher. Ein nahezu unglaublicher Überflieger – und das im allerallerbesten Sinne.

Wolfgang flog alles zu. Er konnte nichts dagegen tun. Selbst wenn er sich krampfhaft wehrte, lief alles gut für Wolfgang. Lernen sah ich Wolfgang nie. Er konnte es einfach. War ein Ass in Biologie, Mathe, Physik; Deutsch LK und Sport als viertes Fach. Und in allen eine eins.

Irgendwann fand er E-Gitarre cool. Jemand schenkte ihm dann eine gebrauchte, und Wolfgang übte als Autodidakt. Fünf Wochen später spielte er Hendrix-Solos nach.

Ein anderes Mal interessierte er sich für chinesischen Drachenbau. Mit einem Buch und etwas Material zog er sich zum Basteln in den Keller zurück.
Beim Testflug des Riesengefährts sprach ihn ein Drachenbauprofi an, der zufällig dort vorbei kam. Der war von Wolfgangs Erstling so begeistert, dass er sofort 1500 Mark dafür zahlte.

So folgt eine Geschichte auf die nächste in Wolfgangs Leben.

Sein Biologiestudium, das er selbstverständlich in Rekordzeit absolvierte und summa cum laude abschloss, finanzierte er übrigens durch Auftritte als Modell auf großen Modenschauen.

Natürlich wäre Wolfgang nicht Wolfgang, wenn das Biologiestudium schon alles gewesen wäre. Er hängte ein Medizinstudium dran; und bereits nach einem Semester unterrichtete er wiederum die Erstsemester in den Einführungsveranstaltungen.

Wolfgang hat sich nicht verändert. Bis auf eine Kleinigkeit, wie gesagt. Doch die ist eigentlich auch nur die konsequente Fortführung seines Weges. Er hat sich nie etwas aus Konventionen gemacht. Tat das, worauf er Lust hatte und was er für richtig hielt.

Viele Männer würden sich zum Beispiel vehement gegen den Haarwuchs aus und an Ohren wehren. Wolfgang nicht. Er lässt die Haare dort wachsen. Und sie wachsen stark. Wirklich sehr stark.

Inzwischen macht Wolfgang in punkto Ohrhaarwachstum jedem Koala Konkurrenz. Doch wie könnte es anders sein, auch das kommt Wolfgang in seinem Beruf direkt zu Gute.

Die Kinder auf seiner pädiatrischen Station einer Uniklinik haben vom ersten Moment an unglaubliches Vertrauen zu ihm. Sie nennen ihn nur Dr. Teddy.

Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli

3 Antworten

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  1. eigenart said, on Montag, März 19, 2007 at 20:54

    Ich mag Leute wie Dr. Teddy.
    In meinem Jahrgang war ein ähnlicher Mensch. Der ist allerdings in so vielen Dingen so gut, dass er sich inzwischen völlig verzettelt hat, was ich unsagbar traurig finde.

    P.S.: Ich selbst erzähle bei solchen Anlässen fast nie was über meinen Job (wozu gibt’s schließlich das Internet?). Ein „Ich schreibe so Texte für Anzeigen“ muss, verdammt nochmal, reichen.

  2. verachimscholli said, on Dienstag, März 20, 2007 at 19:16

    Traurig ist wohl der richtige Ausdruck. Vor lauter Talenten den eigenen Weg nicht mehr sehen zu können und womöglich in diesem Dickicht zu scheitern, ist absolut traurig.

    Alleine „Texte für Anzeigen“ reicht in den meisten Fällen doch schon, um beim Gegenüber die Denkmaschine in Richtung Werberklischee anzuschmeißen. Ich versuche dann immer verzweifelt, noch etwas zu retten. Meine Quote dabei ist aber denkbar schlecht.

  3. Ulli Kiebitz said, on Mittwoch, März 21, 2007 at 11:08

    Sind wir nicht alle ein bisschen Wolfgang? Mail@GTD: Kleine Schere kaufen.


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