Vera Chimscholli ihr sein TextBlog

Frankfurt hin und mit schwerem Kopf zurück

Posted in Alltag, W wie Vera, Welt, Werbung by Vera Chimscholli on Donnerstag, Februar 8, 2007

Mein ausgeleierter und ausschließlich von mir angewärmter Schreibtischstuhl ist mir nach wie vor am liebsten. Wesentlich lieber jedenfalls, als die Schaumstoffschalen der Deutschen Bahn, bei denen man nie so genau weiß, wer dort zuletzt sein schuppendes Haupt gegen die Kopfablage gedrückt hat.

Dumm, dass meine Phantasie auch bei solchen Dingen stets Flügel bekommt, die nach einigen Minuten dann so viel Gedankenwind gemacht haben, dass ich mit steifem Nacken und in vorbildlicher Pianistinnenhaltung auf dem DB-Sitz throne.

Vorgestern war es wieder so weit. Außentermin. Zwei Tage. Die Frisur saß; allein schon wegen meines senkrechten Rückens. Nach Frankfurt sollte es gehen. Und weil sich mein Frühstücksbrettchen in die Hände eines hoffentlich kundigen EDVlers verabschiedet hatte, war es diesmal nichts mit Arbeiten während der Fahrt. Dafür gab es dösen, lesen, lauschen und beobachten.

Schon die erste Ansage des Zugbegleiters sorgte für eine fortschreitende Versteifung der Nackenmuskulatur. Diese unmotiviert und häufig absolut unvorbereitet wirkenden Verkündigungen der Mehdorn-Jünger erinnern per se schon an Scherzanrufe privater Radiosender, aber diese … »Weil wir beim letzten Halt einen Rollstuhlfahrer einladen mussten, haben wir 20 Minuten Verspätung. Wir werden versuchen, das wieder aufzuholen und bitten um Entschuldigung.« Bitte was?

Mit offenen Mündern schauten sich die umsitzenden Reisenden an. Keiner war in der Lage, auch nur ansatzweise etwas auf diese Ungeheuerlichkeit zu erwidern. Doch einer musste es getan haben. Denn nach dem nächsten Halt schalte nur noch ein leises »Leider haben wir 20 Minuten Verspätung. Wir bitten um Entschuldigung.« aus dem Lautsprecher.

Der Rest meiner Stunden dauernden Folter durch orthopädisch einwandfreie Sitzposition verlief ohne weitere derart krasse Vorkommnisse, und die ICE-Röhre spuckte mich schließlich am Frankfurter Bahnhof aus. Von dort ging es im Taxi einer völlig übernächtigten und im Wagen lernenden Geografiestudentin zum Industriepark Frankfurt-Höchst, so etwas wie ein Hochsicherheitsgefängnis für Chemie-Leistungskursler.

Bis auf meine Geburtsurkunde wollten die Herren und Damen am Empfang wirklich alles sehen, das auch nur annährend zur Legitimation beitragen konnte. Diese Prozedur nahm beinahe eine Viertelstunde in Anspruch, bevor man schließlich fragte, zu wem ich denn eigentlich wolle. Und just der, mein Ansprechpartner, hatte sich, so stellte man dann nach einem kurzen Anruf fest, vor einer Viertelstunde in die Pause verabschiedet. Merke: Erst sagen zu wem Du willst und danach, wer Du bist.

In Gesellschaft der uniformierten Sicherheit, verbrachte ich dann die Zeit mit dem Stöbern in den VDI-Nachrichten – wie gesagt, mein Laptop hatte sich Urlaub genommen –, bis mein Gegenüber sein Mittagsmahl beendet hatte. Dann durfte ich zu ihm. Schön, und schlecht zugleich. Schließlich war er mir gegenüber klar im Vorteil: Er hatte bereits gegessen, ich nicht. Das sollte sich noch böse rächen. Das eigentliche Briefing-Gespräch führte ich dann gleich mit zwei Herren. Beides Biochemiker.

Und obwohl ich mich bereits mit einem Diktiergerät ausgerüstet hatte und fleißig mitschrieb, machte sich der stetig sinkende Zuckerspiegel in meinem Körper bald bemerkbar. Die Angaben über die Eigenschaften des neuen Wirkstoffs, den es zu bewerben galt, verschwammen in meinem Kopf mit der Ansage des Zugbegleiters und bildeten Gebirgszüge auf einer Landkarte, die von der Geografiestudentin in Ihrem Taxi im Eiltempo umrundet wurden. Oha, daraus jetzt einen 64seiter machen.

Als ich das Gelände wieder verließ, brannten meine Augen und der Magen brüllte. Laut seufzend ließ ich mich auf die Lederrückbank des alten Daimler-Taxis fallen, das mich zum Bahnhof zurückbringen sollte. Sein Fahrer war Syrer, wie er unaufgefordert berichtete. Und weil ich mich nicht wehrte, erzählte mir der Mann, der aussah wie Salla, der Begleiter von Indiana Jones, seine Lebensgeschichte.

Ich weiß noch, dass er vor 15 Jahren in Hamburg lebte, dort jede Nacht auf der Reeperbahn verbrachte und all sein Geld, das er und seine Freunde mit Drogenschmuggel verdienten, in den Bars und Nachtclubs durchgebracht hatte. Nun sei das vorbei. Er habe Frau und Kinder. Keine Drogen mehr. »Aber für mich vielleicht ein kleines bisschen …«, durchzuckte es mich. Doch da war ich schon am Bahnhof.

Salla bezahlt und rein in den Zug. Zu müde, um auf irgendwelche goldenen Regeln Rücksicht zu nehmen, fläzte ich das Rückgrat schief in den Schaumstoff und bettete den mit biochemischen Formeln beschwerten Kopf an den Vorhang.

Nun habe ich meinen Schreibtischstuhl wieder und muss die Eindrücke vom Inhalt für den Folder trennen, sonst gibt das noch ein Gemisch aus Biochemie und Reisebericht.
Obwohl …

Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli

8 Antworten

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  1. eigenart said, on Donnerstag, Februar 8, 2007 at 18:35

    Ist der neue Wirkstoff wenigstens gut gegen Schuppen?

  2. verachimscholli said, on Donnerstag, Februar 8, 2007 at 20:20

    Wenn Pflanzen Schuppen haben!

  3. Ninifaye said, on Freitag, Februar 9, 2007 at 12:15

    Na, aber das nächste Mal machen Sie einfach ein kleines Päuschen auf der Fressgass.

  4. eigenart said, on Freitag, Februar 9, 2007 at 13:07

    Eisch hab gedenkt, die Fressgass is in Monnehm…

  5. Ninifaye said, on Freitag, Februar 9, 2007 at 16:54

    Hochdeutsch bitte mit mir Sie sprechen.

  6. eigenart said, on Freitag, Februar 9, 2007 at 17:19

    >Fressgass in Mannheim ist!

  7. verachimscholli said, on Freitag, Februar 9, 2007 at 17:22

    Während Sie sich über Verortung und Schreib-/Sprechweise uneinig sind, bekomme ich hier richtig Hunger.

  8. Ninifaye said, on Montag, Februar 12, 2007 at 16:07

    „Best Woscht in town“ kann ich da empfehlen. Die gibt es dreimal in Frankfurt.


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