Vera Chimscholli ihr sein TextBlog

Aller Anfang ist schwer

Posted in W wie Vera, Welt, Wie? by Vera Chimscholli on Donnerstag, Dezember 7, 2006

Heute war es endlich so weit. Nachdem ich neulich ja eindeutig den Beweis angetreten habe, dass meine Eignungen nicht bis in den handwerklichen Bereich hineinragen, sollte es am heutigen Morgen also um die Beseitigung der doch allzu deutlich sichtbaren Spuren dieser Schmach gehen. Aus dem unteren Glied des Zeigefingers meiner linken Hand ragten während der letzten zwölf Tage immerhin fünf grünliche Fäden mit Knoten heraus. Es sah aus, wie eine höchst archaische Maßnahme gegen eine fortschreitende Demenz. Doch die Insignien des Scheiterns sollten ja nun die längste Zeit hämisch an mir gehaftet haben.

Mit wehendem weißen Kittel über dem grünen Arbeitsanzug betrat der Chirurg den Raum, um die Güte seiner Arbeit in aller Ruhe abschließend zu beurteilen. In seinem Gefolge ein Backfisch. Rosig und mit tiefen Grübchen in beiden Wangen, die das unsichere Lächeln dort hinein grub; eine Arzthelferin im ersten Lehrjahr, wie sich später herausstellen sollte.
Als der Meister der Messer mein geflicktes Fleisch in Augenschein genommen hatte, befand er, es sei Zeit mich zu entbinden – sprich die Fäden zu ziehen.
Das antiseptische Mittelchen aus der Pumpflasche hatte er gerade auf meinen Finger gesprüht, als eine Assistentin ihn zu einem anderen Patienten rief. Er verließ das Behandlungszimmer, allerdings nicht, ohne zuvor der jungen Arzthelferin aufzutragen, sie könne ja schon einmal mit dem Fäden ziehen beginnen.
Sie erklärte mir dann, während sie ungeschickt die Latexhandschuhe über die Hände zog, es sei ihr erstes Mal und sie schon ein bisschen aufgeregt. Ich beruhigte sie daraufhin und meinte, es bestünde kein Grund, sich Sorgen zu machen. Seltsam vertauschte Rollen. Und dann legte sie los, bettete meine Hand auf ein mit grünem Tuch überzogenes Arbeitswägelchen und wandte mir den Rücken zu. Dadurch war mir der Blick auf das Geschehen verstellt. Doch ich merkte schnell, dass da nicht alles so lief, wie es sollte. Sie kämpfte regelrecht. Und es ziepte ganz ordentlich. Meine Frage, ob alles in Ordnung sei, beantwortete sie mit einem gequälten »Geht schon.«
Nach endlos erscheinenden Minuten betrat ihr Chef in Grünweiß wieder die Szene. Mit einem lockeren »Na, alles in Ordnung hier?« schloss er die Tür. Daraufhin hob die junge Dame den inzwischen puterroten Kopf und jammerte »Ich krieg’ die Knoten nicht auf!«

Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli

2 Antworten

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  1. Ulli Kiebietz said, on Donnerstag, Dezember 7, 2006 at 13:49

    Jetzt kann ich es Ihnen ja gestehen. Ich war es, der im Hintergrund die Fäden zog. Sie hätten dem roten, nicht dem grünen Faden folgen sollen. So blieb alles nichts als fadenscheinig.

  2. eigenart said, on Donnerstag, Dezember 7, 2006 at 14:46

    Ouuuhuuuuuhhoooo.

    Mir hat mal eine nette Schwester beim Blutabnehmen durch die Ader gestochen, sodass ich einen sehenswerten Bluterguss in der Armbeuge mit mir rumtrug.

    Ein paar Tage später hatte ich einen Termin bei meinem damaligen Hausarzt:

    „Was hast du denn gemacht?“
    „Mir wurde beim Blutabnehmen durch die Ader gestochen.“
    „Wie geht das denn? Du bist doch das optimale Blutabnahmeopfer. Die Ader springt einem ja schon entgegen, ohne dass man den Arm abbindet. Das hättest du wohl selbst besser hingekriegt…“


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