Vera Chimscholli ihr sein TextBlog

Trümmerfrauen-Eignungstest vergeigt

Posted in W wie Vera by Vera Chimscholli on Montag, November 27, 2006

Meine Großmutter war eine bemerkenswerte Frau.
Obwohl das Schicksal ihr nur zu gern den Mittelfinger zeigte, meisterte sie das Leben auf unnachahmlich souveräne Weise.
Ihr Mann kehrte erst Jahre nach Kriegsende aus der Gefangenschaft in Russland zurück, nur um kurz darauf bei einem tragischen Verkehrunfall mit dem Fahrrad ums Leben zu kommen. So stand sie dann alleine mit drei Kindern dar, und das zu einer Zeit, als so etwas um Längen komplizierter war als heute.
Meine erste bewusste Erinnerung im Zusammenhang mit ihr ist ein großer weißer Emailleherd in ihrer Küche. Während überall schon Elektrogeräte Standard waren, hielt sie ihrem alten Herd die Treue. Den befeuerte Sie ausschließlich mit Holz und Kohlen. Das Holz zum Anfeuern dafür spaltete sie selbst in ihrem Keller – von wegen Baumarkt, in dem man so etwas, schön in Säcke verpackt, kaufen kann. Oft habe ich ihr als Kind dabei zugesehen, wie präzise sie die Schläge führte und das jeweilige Stück Holz dabei immer kleiner wurde. Ich war davon immer ganz fasziniert.

Am Wochenende habe ich Britta besucht. Zusammen mit ihrem Kerl bewohnt sie einen Resthof – man kann ruhig sagen, irgendwo in der Pampa. Hinter weitläufigen Wiesen und Feldern, ist das nächste Haus eher zu ahnen als zu sehen. Dafür ist bereits zwei Tage zuvor erkennbar, wer zu Besuch kommen wird.
Zu vorgerückter Stunde kamen wir Frostbeulen-Mädels dann auf den Gedanken, doch den Kamin anzufeuern. Was allerdings fehlte, war entsprechendes Kleinholz. Da erinnerte ich mich an meine Großmutter und meinte »Ich mach’ das.« Schließlich hatte ich ihr oft genug zugeschaut und nicht vergessen, wie leicht das bei ihr ausgesehen hatte. Also flugs die Axt von Brittas Kerl aus dem Schuppen geholt.
Der Kerl ist so ein Werkzeug-Fetischist. Einer von denen, die fest daran glauben, dass ein Arbeitsgerät ganz extrem das Ergebnis beeinflusst. Ergo hatte er sich auch fürs Holzhacken etwas ganz Besonderes zugelegt. Eine handgeschmiedete Axt aus Schweden, der man ihren Schärfegrad wirklich ansehen konnte. Ist doch prima, dachte ich, desto schneller bin ich wieder im Warmen, und legte los. Fast wie bei Oma ging’s auch bei mir zack, zack, zack – das machte richtig Spaß. Nach einer Weile kam Britta um die Ecke und fragte, »brauchst Du noch lange?«
Das muss mich irgendwie aus dem Rhythmus gebracht haben. Auf jeden Fall glitt die Axt von der Holzkante ab, und ich schlug mir mit ihr in den Zeigefinger der linken Hand. Oder besser, ich schälte ihn.
Die Behandlung im Krankenhaus ist eine eigene Story wert – schlussendlich verließ ich es, zwei Stunden später, mit einem dicken Verband um den Finger, fünf Stichen im selben und den wiederholten Versicherungen der Chirurgen, dass ich da wohl riesenhaftes Glück gehabt hätte. Denn weder Sehnen noch Gefäße seien verletzt worden.

Seit diesem Wochenende ist mein Respekt vor Oma noch größer geworden. Schließlich traf Sie stets nur das Holz.
Und ich treffe beim Schreiben mit dem dicken Verband immer zwei Tasten gleichzeitifg.

Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli

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10 Antworten

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  1. Ninifaye said, on Montag, November 27, 2006 at 14:23

    Ein Wort: Aua.

    Und noch zwei: Gutes Verheilen.

  2. vera chimscholli said, on Montag, November 27, 2006 at 14:55

    Lieben Dank.

    Wird schon. Es puckert nur ein wenig.

  3. ramses101 said, on Montag, November 27, 2006 at 18:27

    Und? Schon beim Hausherren beschwert, dass die Axt stumpf wie sonstwas ist? Wobei ich, lang ist’s her, auch recht dankbar war, dass die Schwerter im Benzin-Rasenmähers nicht mehr ganz die Original-Schärfe hatten.

  4. eigenart said, on Montag, November 27, 2006 at 19:01

    Wie schön, dass sich die Zeiten geändert haben und Sie sich jetzt wenigstens kein „Hätten Sie das mal einen Mann machen lassen“ anhören mussten.

    Manchmal braucht es eben ein Ereignis wie dieses, um zu erkennen, wie weit wir es doch gebracht haben.

    Bei mir war es die Kuppe meines Daumens im Gurkensalat.

  5. verachimscholli said, on Montag, November 27, 2006 at 19:36

    @ramses & eigenart

    Es hört sich fast so an, meine Herren, als würde eine Aufforderung an alle, ihre blutigste Hauhaltsstory zu erzählen, unterm Strich zu einer Sammlung recht unterhaltsamer Geschichten führen.

    Da hätte mein einschneidendes Erlebnis mit Blutopfer ja einen echten Sinn gehabt.

  6. Ninifaye said, on Dienstag, November 28, 2006 at 12:40

    Na schön:
    Brotmesser vs. Granatapfel.
    vs. Billigpflaster.
    vs. Küchenrolle.
    vs. Panikattacke.
    vs. (endlich) Hansaplast.
    vs. Kreislaufkollaps.

  7. verachimscholli said, on Dienstag, November 28, 2006 at 13:37

    Da hab‘ ich doch zunächst Kreislaufklops gelesen. So ein Quatsch. Wohl doch mehr Blut verloren, als ich gedacht hatte.
    Hoffe mal, Ihnen sind nicht die Lampen ausgegangen.

  8. Ninifaye said, on Mittwoch, November 29, 2006 at 14:37

    Nein nein, alles halb so blutig.
    Und zur Not hab ich nen Arzt in der Wohnung.

  9. verachimscholli said, on Mittwoch, November 29, 2006 at 14:44

    So einen echten Not-Arzt? Wie praktisch.
    Jetzt sehe ich Ihre Tragödien des Alltags ja in einem ganz anderen Licht.
    http://out-of-uppen.blogspot.com/2006/10/tragdien-des-all-tags.html#links

  10. Aller Anfang ist schwer « der|die|das TextBlog said, on Donnerstag, Dezember 7, 2006 at 13:43

    […] Heute war es endlich so weit. Nachdem ich neulich ja eindeutig den Beweis angetreten habe, dass meine Eignungen nicht bis in den handwerklichen Bereich hineinragen, sollte es am heutigen Morgen also um die Beseitigung der doch allzu deutlich sichtbaren Spuren dieser Schmach gehen. Aus dem unteren Glied des Zeigefingers meiner linken Hand ragten während der letzten zwölf Tage immerhin fünf grünliche Fäden mit Knoten heraus. Es sah aus, wie eine höchst archaische Maßnahme gegen eine fortschreitende Demenz. Doch die Insignien des Scheiterns sollten ja nun die längste Zeit hämisch an mir gehaftet haben. […]


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