Vera Chimscholli ihr sein TextBlog

Welt, manchmal fürcht‘ ick mir vor Dir.

Posted in Wie? by Vera Chimscholli on Freitag, August 11, 2006

Just bin ich zurück von einem kurzen Spaziergang die Straße hinauf, der mich direkt in ein orthopädisches Fachgeschäft führte. Kein zufällig gewähltes Ziel (wenn dem so gewesen wäre, sicherlich bedenklich), sondern absichtlich angesteuert, da dort seit einer Woche etwas auf Abholung wartet. Schon zum zweiten Mal hatte mir mein Arzt eine Bandage verschrieben, weil die erste enorme Auflösungserscheinungen zeigte und so ihre Aufgabe nur noch mangelhaft erfüllen konnte; eine stinknormale Bandage, wie man sie in Form und Farbe zu tausenden kennt. Besonders an diesem Ding ist nur, dass es exakt auf meine anatomischen Dimensionen zugeschnitten wurde. Haute Couture von Ullala Schmidt.
Die Crux ist jetzt das „zum zweiten Mal“. Ausgestellt wurde das Rezept vom gleichen Arzt, mit dem gleichen Wortlaut, für das gleiche Wehwehchen – nur das Datum auf dem Rezept war selbstverständlich ein anderes. Ich suchte zur Einlösung des Rezeptes das gleiche Fachgeschäft auf, wurde von der gleichen Verkäuferin bedient, die meine gleich gebliebenen Maße nahm und diese an den gleichen Betrieb zur Anfertigung schickte.
Heute nun wollte ich, wie gesagt, die Bandage abholen, lege mein Rezept dazu auf den Tresen, erhalte im Gegenzug die Bandage, will schon gehen, als ein lang gezogenes »Ähhhmm« der Verkäuferin mich aufhält. »Ist noch was?«, frage ich und blicke in ein leicht irritiertes Gesicht, dessen Augen immer wieder zwischen dem Rezept und augenscheinlich einer Tabelle hin und her blicken. »Ich glaube«, beginnt sie, »das geht so nicht.« »Was geht so nicht?«, frage ich und stemme bereits eine Hand in die Hüfte. »Soweit ich das sehe, können Sie mit dem Rezept hier nicht diese Bandage bekommen.« »Weshalb nicht?« »Die Bandage müsste länger sein, und Sie haben jetzt die kurze Form.«, erwidert sie und schaut mich dabei leicht verunsichert an. »Genau wie es sein soll und wie es auch auf dem Rezept steht: kurz.«, gebe ich zu bedenken und tippe mit dem Zeigefinger auf das Rezept. Vielleicht ein wenig zu heftig, aber egal. »Und genau wie die, die ich beim letzten Mal bekommen habe«, ergänze ich und deute auf das entsprechende Teil an mir. Doch selbst das scheint sie nicht zu überzeugen. »Wie kann etwas, das vor einem Monat richtig war, auf einmal falsch sein?« Doch darauf hatte sie keine Antwort.
Das sind dann meist die Momente, zu denen ich aussteige. So auch diesmal. »Wenn Sie herausbekommen haben, woran es liegt und Sie noch etwas brauchen, rufen Sie mich an. Sie haben ja die Nummer.« Sprachs und machte mich wieder auf den Rückweg.
Zwischen der ersten und zweiten Bandage lag gerade mal ein Monat. Was war seither geschehen? Gut, Fingernägel wachsen, Haare werden geschnitten. Alles ist im Fluss. Aber selbst Frau Schmidt schafft in dieser Zeit keine Überarbeitung ihrer Vorlage eines Bandagenlängenvorschriftformulars. Vielleicht habe ich beim letzten Mal auch einfach nur freundlicher gelächelt, wer weiß.
Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli

2 Antworten

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  1. Weltregierung said, on Freitag, August 11, 2006 at 14:32

    schon erschreckend wieviele Texter&Innen sich gezwungen sehen
    dem Agenturleben durch bloggen zu entfliehen und sane zu stayen.

    ..einfach mal Hallo sag!

    Und jetzt Text ich was bei Eigenart 🙂

    – Grussregierung.

  2. verachimscholli said, on Freitag, August 11, 2006 at 15:11

    @Weltregierung

    Bloggen mag sicherlich ein Weg sein, lieber Weltregierung, die mentale Gesundheit nicht frühzeitig als defekt wieder zurückgehen zu lassen.
    Gleichzeitig: Berauben sich TexterInnen nicht ihrem letzten Rückzugsmoment gegen Hirnkurzschluss (dem Argument nämlich, dass sie zu viel Arbeit hätten), indem sie ihre Zeit ins Schreiben sinnfreier Texte stecken?
    Passen Sie gut auf sich auf. Und vielen Dank für Ihren Besuch.
    Es grüßt Sie
    Ihre Vera Chimscholli


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