Vera Chimscholli ihr sein TextBlog

Zeit am Faden

Posted in W wie Vera by Vera Chimscholli on Montag, August 7, 2006

Natürlich habe ich noch ein Leben neben dem Blog. Nur um das ein für alle Mal für jene klar zu stellen, die permanent, mit jeder Menge Vorwurf im Gesicht, zweifelnd danach fragen. Und genau dieses Leben führte mich jüngst, gemeinsam mit dem Kind einer sehr guten Freundin, in ein Kino hier am Ort. Als pädagisch verantwortungsvolle Erwachsene war es mir natürlich besonders wichtig, einen ebensolchen Film auszusuchen. Dies und ausgeprägte sentimentale Schwachheiten begünstigten wohl die Beeinflussungsversuche gegenüber meinem jungen Begleiter. Und schließlich war er wohl wirklich davon überzeugt, dass „Urmel“ genau der richtige Film für uns war.
So betraten wir, ausgerüstet mit all den unverzichtbaren Utensilien von der Theke vor dem Kinosaal, dann die Blackbox und suchten im Halbdunkel nach unseren Plätzen. Nicht nur wegen der Vorfilme fühlte ich mich in meine Kindheit zurückversetzt. In erster Linie war es wohl die Vorfreude, die mich ungeduldig auf dem dicken strapazierfähigen Sesselbezug hin und her rutschen ließ. „Urmel aus dem Eis“ war der absolute Renner meiner Kindheit. Wann immer es von einem Sender wiederholt wurde (und damals war man noch froh darüber), saß ich vor der Kiste und liebte es. Die Geschichte um Professor Habakuk Tibatong, der auf seiner Vulkaninsel Titiwu Tieren das Sprechen beibringt und irgendwann das Urmel findet, muss man einfach mögen. Jede der Figuren mit ihren Sprachmacken schließt man als Leser und Zuhörer oder auch Zuseher sofort ins Herz. Jetzt gab es also eine neue Version davon. Das Licht wurde endgültig gelöscht und es ging los.
Auf welchem Weg die Filmindustrie ist, haben mit beeindruckender Stärke die beiden „Shrek“-Filme gezeigt, in denen computeranimierte Figuren so perfekt in Mimik und Gestik agieren, dass der Zuschauer nach einer Weile ihr Entstehen im Rechner vergisst. „Urmel“ gehört ebenfalls in diese Kategorie. Jedoch ist ihm anzusehen, dass er in keinem der großen Studios entstand. Das macht aber nichts. Er hat dennoch seinen Charme.
Für mich war es etwas anderes, das Distanz erzeugte. So paradox es klingt: Mir fehlten die Fäden. Für mich gibt es nur das „Urmel“ der „Augsburger Puppenkiste„, das unbeholfen, teilweise mehr fliegend als gehend daher kam. Die Fäden waren stets der allgegenwärtige Hinweis »Das ist nur ein Spiel«. Nichts ist wirklich schlim. Kein Grund, verängstigt zu sein. Immer waren die Puppenspieler auch Teil der Geschichte und sie schienen zu fragen »Magst Du, was ich Dir erzähle?« Die hochroten Ohren der Zuschauer waren Antwort genug. Und ja, ich mochte es.
Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli

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