Vera Chimscholli ihr sein TextBlog

Kinder, Kinder.

Posted in W wie Vera by Vera Chimscholli on Montag, Juli 3, 2006

Ich liebe es ja, Freundinnen zu besuchen, die sich bereits entschlossen haben, Mutter Staat mit Rentenzahlern in spe auszustatten. Das ist richtig klasse. Man kann die Kleinen aufdrehen bis zum Anschlag und kurz vor der Entladung wieder gehen.
Neulich war ich auf eine Latte bei Jana; gelernte Apothekerin und Zahnarztfrau – nein, nicht die aus der Werbung, aber nah dran. Gemeinsam mit mir war noch ein weiterer Besucher da. Arne, ein Freund ihres Jüngsten und genau wie der fünf Jahre alt. Die zwei haben das  Einfamilienhaus am Stadtrand ganz schön aufgemischt. Genau so lange, bis sich die linke Ader an Janas Hals etwa ums Doppelte vergrößert hatte. Die Farbe in ihrem Gesicht stand der sonst so glasig wirkenden Jana eigentlich ganz gut. Zusammen mit den flatternden Nasenflügeln jedoch überwog der Eindruck von Hurrikanwarnung. Und so war’s dann auch. Wie das Horn eines Sprengmeister scholl Janas Stimme durch den Garten. Falls in den umstehenden Bäumen zu der Zeit noch Vögel gebrütet haben, war es das für dieses Jahr mit dem Nachwuchs. Der Effekt blieb aber nicht aus. Janas Sohn Mark stand plötzlich wie eine Eins neben ihr. Und auch Besucher Arne ruhte auf einmal an der Seite seines Kumpels und nestelte an seiner Jeans. Jetzt konnte Jana loslegen. Auf Augenhöhe erklärte sie den beiden etwas von ruhigem Spielen, von ihrem Recht auf eine Pause, von Rücksicht et cetera pp. Für meinen Geschmack ein bisschen zu ausschweifend, versuchte sie Verständnis bei den jungen Herren zu generieren. Ein Blick in deren Augen zeigte mir aber schon nach kurzer Zeit, dass die mit ihren Gedanken längst woanders waren. Das muss Jana dann auch gesehen haben, und es hat sie wohl geärgert. Denn plötzlich blaffte sie los: „Ihr hört mir ja gar nicht zu. Sprech‘ ich denn Chinesisch?“ Mark schaute seine Mutter nur entgeistert an, während Besucher Arne ganz eifrig bemerkte: „Meine Mama spricht immer mit der Wand.“
Ich hab‘ Jana dann noch geholfen, die Latte, die ich über den Tisch geprustet habe, aufzuwischen und bin wenig später gegangen.
Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli

Eine Antwort

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  1. der|die|das TextBlog » Zeit am Faden said, on Montag, August 7, 2006 at 14:48

    […] Natürlich habe ich noch ein Leben neben dem Blog. Nur um das ein für alle Mal für jene klar zu stellen, die permanent, mit jeder Menge Vorwurf im Gesicht, zweifelnd danach fragen. Und genau dieses Leben führte mich jüngst, gemeinsam mit dem Kind einer sehr guten Freundin, in ein Kino hier am Ort. Als pädagisch verantwortungsvolle Erwachsene war es mir natürlich besonders wichtig, einen ebensolchen Film auszusuchen. Dies und ausgeprägte sentimentale Schwachheiten begünstigten wohl die Beeinflussungsversuche gegenüber meinem jungen Begleiter. Und schließlich war er wohl wirklich davon überzeugt, dass “Urmel” genau der richtige Film für uns war. So betraten wir, ausgerüstet mit all den unverzichtbaren Utensilien von der Theke vor dem Kinosaal, dann die Blackbox und suchten im Halbdunkel nach unseren Plätzen. Nicht nur wegen der Vorfilme fühlte ich mich in meine Kindheit zurückversetzt. In erster Linie war es wohl die Vorfreude, die mich ungeduldig auf dem dicken strapazierfähigen Sesselbezug hin und her rutschen ließ. “Urmel aus dem Eis” war der absolute Renner meiner Kindheit. Wann immer es von einem Sender wiederholt wurde (und damals war man noch froh darüber), saß ich vor der Kiste und liebte es. Die Geschichte um Professor Habakuk Tibatong, der auf seiner Vulkaninsel Titiwu Tieren das Sprechen beibringt und irgendwann das Urmel findet, muss man einfach mögen. Jede der Figuren mit ihren Sprachmacken schließt man als Leser und Zuhörer oder auch Zuseher sofort ins Herz. Jetzt gab es also eine neue Version davon. Das Licht wurde endgültig gelöscht und es ging los. Auf welchem Weg die Filmindustrie ist, haben mit beeindruckender Stärke die beiden “Shrek”-Filme gezeigt, in denen computeranimierte Figuren so perfekt in Mimik und Gestik agieren, dass der Zuschauer nach einer Weile ihr Entstehen im Rechner vergisst. “Urmel” gehört ebenfalls in diese Kategorie. Jedoch ist ihm anzusehen, dass er in keinem der großen Studios entstand. Das macht aber nichts. Er hat dennoch seinen Charme. Für mich war es etwas anderes, das Distanz erzeugte. So paradox es klingt: Mir fehlten die Fäden. Für mich gibt es nur das “Urmel” der “Augsburger Puppenkiste“, das unbeholfen, teilweise mehr fliegend als gehend daher kam. Die Fäden waren stets der allgegenwärtige Hinweis »Das ist nur ein Spiel«. Nichts ist wirklich schlim. Kein Grund, verängstigt zu sein. Immer waren die Puppenspieler auch Teil der Geschichte und sie schienen zu fragen »Magst Du, was ich Dir erzähle?« Die hochroten Ohren der Zuschauer waren Antwort genug. Und ja, ich mochte es. Bis dann dann Eure Vera Chimscholli […]


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