Heute für umme, Herr Müller
Lieber Herr Müller aus Fischach-Aretsried,
Sie haben doch seinerzeit jede Menge Subventionen erhalten - wie war das noch, 30 Millionen von der EU und 40 Millionen vom Land Sachsen? - und bestimmt in Ihrem Sinne gewinnbringend angelegt; doch hätten Sie nicht einen ganz kleinen Teil davon für ein Korrektorat ausgeben können?

Bis dann dann
Ihre Vera Chimscholli
Alles prima. SCHNITT.
Täglich sehen wir derartige Meldungen in den Zeitungen, überlesen sie, nehmen nur am Rand zur Kenntnis und fragen nicht nach der Geschichte hinter den fünf Zeilen.
Doch wenn Du neben ihm gewohnt hast, mit ihm gegrillt und gelacht hast und nun jeden Tag seine Frau und den sieben Jahre alten Sohn siehst, allein, willst Du nur noch schreien; doch der riesige Kloß im Hals macht selbst das unmöglich.
Bis dann dann
Deine Vera Chimscholli
Nass war’s, lustig war’s
Während Daheimgebliebene das wohl schönste, weil sonnigste Pfingstfest der letzten Jahre verbrachten, planschte ich durch Barcelona.
Angesichts dieser Meldung mag es wie Hohn klingen, doch ich habe die vergangenen Tage damit verbracht, Kleidung auf spanischen Heizungen zu trocknen und vermittels Fön einer Schwimmhautbildung zwischen den Fingern vorzubeugen. Auch für meine Beinmuskulatur werde ich sicherlich einiges Positive getan haben, schließlich stärkt nach vorn gebeugtes, gegen peitschenden Sturmregen trotzendes Laufen die Oberschenkel enorm.
Obwohl ich mir auch lieber einen Sonnenbrand als einen Koffer klammer Kleidung geholt hätte, muss ich sagen: Schön war es. Trotzdem. Viel gesehen, aber vor allem eine Szene mitbekommen, die bei Sonne so nie geschehen wäre.
Auf meiner Flucht vor waagerecht fallendem Regen gelangte ich irgendwann in ein Schuhgeschäft; auf die Vorsehung kann ich mich eben immer verlassen. Zeitgleich mit mir betrat eine andere Deutsche den Laden. Dass sie eine Landsfrau war, verriet mir ihr unendlich scheinender Fundus an Schimpfwörtern, aus dem sie beim Versuch ihren Regenschirm zu schließen, reichlich schöpfte.
Während mein Blick träge über die unendlich große Auswahl in den Regalen streifte, hatte sie bereits mehrere Paar Schuhe gefunden und steuerte damit eine nahe gelegene kleine Bank an. Sie stellte die Kartons auf den einen Teil der Bank, setzte sich auf den anderen, legte den nassen Regenschirm auf den Boden und wollte gerade mit dem Anprobieren beginnen, als eine Verkäuferin zu ihr kam.
Diese reichte ihr eine kleine Plastiktüte, sagte etwas auf Spanisch und zog sich alsdann dezent zurück. Nachdem die Touristin das Tütchen entfaltet hatte, bemühte sie sich, dieses über ihren Fuß zu ziehen; ähnlich einer Anprobesocke. Daraufhin löste sich die Verkäuferin aus ihrer Warteposition und ging lachend auf die Kundin aus Deutschland zu. Gestikulierend und prustend zugleich führte sie das Tütchen seiner eigentlichen Bestimmung zu; mit einigen schnellen Handgriffen zog sie es über den klitschnassen Regenschirm, damit dieser nicht weiter den Parkettboden des Geschäftes durchnässte.
Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli
G.
»Im Film würden Sie mir jetzt wenigstens einen Cognac anbieten. Aber Sie sind wohl kein Filmfreund, was?«, bemerkte er heiser, verließ die Praxis und verschwand; zusammen mit dem Brief, den er niemals schrieb.
Nachts auf der stählernen Brücke
Gewusst seit Jahren
Gewünscht jeden Tag
Geküsst wie in Trance
Geweint wie ein Kind
Gelitten wie ein Hund
Glücklich für eine Nacht
Gesprungen
Getrübter Blick
Spät war’s. Oder früh. Je nachdem. Auf alle Fälle für einen gehörigen Schreck in der Morgenstunde verantwortlich. Las ich doch eben die Schlagzeile “Kerlspreis für Angela Merkel” und erschrak, bevor klar wurde, dass die verklebten Lider mir da einen dummen Streich spielten.
Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli
Höhenangst? Ich? Ach wo!
Sobald die Sonne nur ein wenig länger als eine Stunde am Stück scheint, scheinen die Menschen in meinem unmittelbaren Umfeld zu glauben, dies sei der Weckruf für ihre bis dahin gemütlich im Verborgenen schlummernde Aktivität. Und nur, weil das bei ihnen womöglich so ist, verallgemeinern sie diese Annahme und beziehen mich dann in diese Annahmnese (tschuldigung, der musste raus) mit ein. DAS IST ABER GAR NICHT SO!
So kam ich gestern trotz Strampeln und Schütteln nicht umhin, mich dem Trupp zwecks sonntäglicher Unternehmung anzuschließen. Es blieb jedoch nicht bei einer Landpartie. Vielmehr hatte man sich ein Ziel ausgesucht, dessen Name allein mich schon schwindeln ließ; es ging zum Kraxelmaxel. Etwas für alle, die hoch hinaus wollen. Bis zu zehn Meter über den Boden. Während wir also dort oben auf kleinen Holzplateaus hockten, wurde nicht etwa der Wald gefegt, sondern vom Instrukteur, der sicher am Boden stand, in knappen Worten gefordert, dass man sich nun über Draht- und andere Seile zum nächsten Plateau vier Bäume weiter begeben solle.
Bisher kannte ich das alles nur theoretisch, wenn ich ein derartiges Event mal für eine Marketingabteilung zur Förderung des Teamgeistes vorgeschlagen und auf dem Papier ausgearbeitet hatte. Nun weiß ich, dass es weniger fürs Team, dafür viel für die Selbsterkenntnis tut. Erstaunlich, welche Amplitude so ein Knie ohne großen Energieaufwand erzeugen kann. Habe gezittert wie Espenlaub; aber das passt ja irgendwie zu Bäumen.
Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli
Chronik einer bröckelnden Freundschaft
Habe ich eigentlich bereits erwähnt, wie sehr ich an meinem Mac hänge? Korrekt ausgedrückt müsste es in der überwiegenden Zeit heißen, er hängt an mir, da ich ihn überall mit hinnehme (aus zwangsläufig wurde womöglich zwanghaft, wer weiß). Doch bin ich mir sicher, es bereits mehrfach erwähnt zu haben. Wie dem auch sei; während andere sich zu emotionalen Gefühlsausbrüchen gegenüber Fleischklopsen hinreißen lassen, so tue ich dies eben in Richtung dieses kleinen flachen Helferleins: ich liebe es.
In jüngster Zeit jedoch wird unser enges Mensch/Maschine-Verhältnis auf eine harte Probe gestellt.
Nach der letzten Softwareaktualisierung, die unter anderem ein OS X Update auf 10.5.2 in der Größe von 347 MB (mächtiges Badabumm) enthielt, streikte AirPort. Zunächst habe ich zwischen Update und abnormem AirPort-Verhalten keinen Zusammenhang gesehen, sondern die Fehlfunktion eher bei mir vermutet. Mit der Zeit und nach einigem Forschen in Foren wurde allerdings deutlich, dass ich mit diesem Problem nicht alleine dastand.
Also das Frühstücksbrettchen sorgsam eingetütet und ab damit zum nächstgelegenen Dealer. Auf meine naive Frage »Kennt Ihr das Problem?« erhielt ich selbstredend die Antwort »Nö, hören wir zum ersten Mal.« Mein Hinweis auf die Einträge in Foren brachte auf der anderen Seite das Erinnerungsvermögen allmählich zurück, mich der Lösung aber keineswegs näher. Denn der Vorschlag lautete, die alte OS-Version von CD wieder installieren und warten, bis Apple ein neues Update raus bringt.
Man hat ja auch sonst nichts zu tun; da ich jedoch auf ein funktionierendes System angewiesen bin, blieb mir nichts anderes als der Biss in diesen sauren Apfel. Dass es tatsächlich problemlos auf Anhieb gelang, muss an einer besonders günstigen Sternenkonstellation gelegen haben. Nun ja, blindes Huhn, Korn, Prost.
Tatsächlich begann AirPort wieder mit seiner Arbeit. Doch nun blieben mir all die Extras der schönen neuen Update-Welt verborgen. Ein Zustand, der unbefriedigender nicht sein könnte. So griff ich eines Tages also zum Hörer und wählte die Nummer des Apple-Supports; ich … hasse … Anrufe … bei … Technikhotlines. Eigentlich. Doch da es Apple war, dachte ich, wird schon werden.
(Gedankenprotokoll, gekürzt)
A: »Apple Support, mein Name ist XXX, wie kann ich Ihnen helfen.«
V: »Ja hallo, Chimscholli hier. Nach dem letzten großen Update funktionierte AirPort nicht mehr. Das ist ja anscheinend ein bekanntes Problem. Ist da in absehbarer Zeit Abhilfe von Apple zu erwarten?«
A: »Probleme? Nach dem Update? Mit AirPort? Davon wissen wir nichts!«
V: »Wie, Sie wissen nichts? Die Foren sind voll davon.«
A: »Einen Moment, bleiben Sie mal bitte dran.«
Den Musiktitel weiß ich nicht mehr, aber ich musste ihn mir zweimal anhören, während ich in der Warteschleife hing.
A: »Hören Sie? Ich habe gerade mit meinem Vorgesetzten gesprochen. Das Problem ist doch bekannt. Da scheint es einige Schwierigkeiten zu geben.«
V: »Ja, und gleich noch mehr. Mit mir. Weshalb kommuniziert Apple derartig gravierende Dinge nicht auf den eigenen Supportseiten, sondern überlässt seine Kunden sich selbst und einer zeitraubenden Suche durch Foren?«
A: »Das ist seit langem Apple-Politik. Über Fehler wird nicht gesprochen.«
Decken wir den mit Frühlingsblüten bestickten Mantel des Schweigens über den Rest der Szene. Denn das, was mir zu diesem letzten Satz ein- und von Zorn befeuert aus dem Mund fiel, ist nicht zitierfähig. Das Gespräch endete mit der Zusage, man würde sich per Mail oder telefonisch bei mir melden, sobald es eine Lösung gäbe.
Am nächsten Tag erhielt ich tatsächlich eine Mail mit der Betreffzeile “Ihr Anruf bei AppleCare Support Center”. Wirklich fix, die Jungs, dachte ich noch, musste dann aber feststellen, dass es sich lediglich um eine Standardmail zur Abfrage der Kundenzufriedenheit handelte. Und das Beste: Gleich zweimal taucht bei den Fragen mit multiple choice Antwortoption die Frage auf, ob man vor seinem Anruf die Supportseiten im Internet aufgesucht habe, um dort die Lösung fürs Problem zu erhalten. Angesichts der Auskunft am Telefon der blanke Hohn.
Dies liegt nun schon über einen Monat zurück. Ich warte nach wie vor auf den Anruf oder die Mail mit dem „wir haben fertig“. Bin wirklich sehr gespannt, wie es weitergeht.
Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli
Heiteres Beruferaten
Dolles Ding, das Xing. Nicht nur Netze auswerfen, sondern lernen kann man da auch. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass es folgende Stellenbezeichnung gibt.

Früher hieß das einfach Trainer.
Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli
Schatten der Vergangenheit
Wer wie ich in einer Kleinstadt aufgewachsen ist, kennt vielleicht diese Gemengelage aus Geborgenheit und Großer-Bruder-Gefühl; bei aller Behaglichkeit eines überschaubaren Umfeldes treibt diese Nähe eben auch seltsame Blüten. Jeder weiß was über dich, oder behauptet es zumindest, weil er mit jemandem bekannt ist, der mal gehört hat, dass … Am Ende dieser stille-Post-Kette entsteht dabei ein Bild, das höchstselten etwas mit der tatsächlichen Person gemein hat.
Gleichzeitig rückt das Leben aber auch näher an dich heran. Oma erzählt was, Eltern erzählen was, du selbst weißt etwas über andere und das, was sie erlebt haben oder ihnen widerfahren ist. Und du kennst sie natürlich irgendwie alle, über die da erzählt wird, da du ihnen täglich begegnest.
Geschieht in diesem Mikrokosmos ein Verbrechen, betrifft es jeden. So war es auch vor 20 Jahren. Da verschwand ein Mädchen. Auf dem Weg von einer Kneipe zum Elternhaus verlor sich ihre Spur; eine Strecke von vielleicht gerade mal 900 Metern. Keine Hinweise, kein Abschiedsbrief, kein Stress im Elternhaus oder mit dem Freund. Auch in ihrem gerade begonnenen Studium lief alles problemlos. Nicht der geringste Anhaltspunkt dafür, dass sie womöglich den Entschluss gefasst haben könnte, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.
Auf diese kleinstädtische Weise kannte ich sie; wir waren auf die gleiche Schule gegangen, jedoch in unterschiedliche Klassen, sahen uns von Zeit zu Zeit in den gleichen Läden und unterhielten uns dann und wann über Belanglosigkeiten. Ihre Mutter arbeitete als Sekretärin im Vorzimmer des Schuldirektors und bei Freundeskreisen gab es auch einige Überschneidungen. Genau genommen kannte ich sie also nicht.
Durch die Geschehnisse jedoch wurde sie zu einem Teil meines Lebens in der Kleinstadt. Bekannte wurden von der Polizei vernommen, zwei gerieten unter Verdacht, mit dem Verschwinden des Mädchens etwas zu tun zu haben; diese Verdächtigungen erwiesen sich jedoch als falsch. Fernsehteams rückten an und versuchten mit Hilfe von Zeugenaussagen den Abend des Verschwindens nachzustellen. Aktenzeichen XY bat bundesweit um Mithilfe und Hinweise. An jedem Baum, jeder Laterne und in jedem Geschäft hingen DIN A4 Blätter mit einem schwarz/weiß Photo darauf und der Überschrift VERMISST. Die Polizei durchsuchte Wälder, Gewässer und ließ sogar Gräber öffnen.
Es verging kein Tag, an dem man nicht mit irgendjemanden über all das sprach. Und mit jedem dieser ergebnislos verstreichenden Tage, wurden die Spekulationen lauter. Von Mädchenhändlerring war die Rede oder es wurde gemutmaßt, sie sei einfach abgehauen.
Drei Wochen nach dem Tag des Verschwindens stellte die Polizei die offiziellen Ermittlungen ein. Es gab keine ausreichenden Anhaltspunkte für eine Fortsetzung. In den darauf folgenden Jahren griffen die Lokalzeitungen den Fall immer wieder auf, wenn sich das Datum jährte. Neue Hinweise brachte das nicht. Sie blieb verschwunden.
Vor einigen Wochen rief ich meine Eltern in meinem Heimatort an. Obwohl mein Lebensmittelpunkt längst woanders liegt, interessiert mich das Geschehen in der kleinen Stadt nach wie vor. Meine Mutter erzählte, dass es im Fall des verschwundenen Mädchens einen neuen Hinweis gäbe. In einem anonymen Brief sei detailliert beschreiben worden, wo die Leiche zu finden sei.
Geosonaruntersuchungen und Spürhunde verifizierten die Angaben. In einer alten Villa, die zu der Zeit, als das Mädchen verschwand, renoviert wurde, vermutet man nun ihre Überreste im neu gegossenen Betonfundament.
Die Villa liegt mitten im Zentrum der Stadt, auf halber Strecke zwischen der Kneipe und dem Haus des Mädchens. Hunderte Male bin ich dort entlang gegangen oder habe auf der kleinen Mauer am Fuße der Villa gesessen. Und sie war auch dort. 20 Jahre lang. Ich werde sie nie vergessen, obwohl ich sie eigentlich nicht kannte.
Kindermund
Eine Mutter steht mit ihrem drei Jahre alten Zögling an der Haltestelle. Ein Bekannter kommt hinzu und grüßt die beiden winkend schon aus einiger Entfernung. Der Zwerg läuft auf ihn zu und rammt dem Verdutzten beide Fäuste in den Unterleib.
Mama versucht zu erklären: »Bitte entschuldige, das ist so eine Art Übersprunghandlung, wenn er sich freut.«
Darauf der Zwerg: »Ja, wollte über Dich drüber springen. Nicht geschafft.«
Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli