Vera Chimscholli ihr sein TextBlog

Ich hatte einen (Fieber)Traum

Posted in Wirres by Vera Chimscholli on Dienstag, Oktober 31, 2006

39,3° C können schon eine Menge bewirken. Die Erhöhung der Körperkerntemperatur ersetzt manchmal den findigsten Drehbuchautor. Aus meiner Kindheit kenne ich noch diese Fiebermomente bei Grippe zwischen Wahn und Wirklichkeit.
Wohl um den Geborgenheitsfaktor zu erhöhen, richtete Mutter damals mein Krankenlager stets im elterlichen Schlafzimmer her.
Umgeben von einer schweren Wick Vaporub Wolke und stark bewegungseingeschränkt durch einen Halswickel aus heißen, zerdrückten Kartoffeln, lag ich unter mindestens drei Decken und konzentrierte mich auf die Schweißperlen, die in großer Zahl langsam meinen Rücken hinunter rannen. Ob es nun an den seinerzeit noch heftigeren Inhaltsstoffen des Hustensaftes lag, oder einfach an der bei Kindern wesentlich intensiveren Sinneswahrnehmung, weiß ich heute nicht mehr zu sagen; auf jeden Fall war das immer die Zeit des Kopfkinos.
Die Vorhänge bewegten sich trotz der geschlossenen Fenster. Sie bauschten unnatürlich auf und formten Gesichter mit breiten, geblähten Backen. Irgendwann bemerkten mich die Fratzen und konzentrierten ihr unverständliches Gebrabbel auf die kleine Vera unter dem Deckenknäuel. Voller Entsetzen drehte ich diesen Vorhangungetümen meist den Rücken zu und hoffte darauf, sie würden verschwinden, wenn ihnen meine Aufmerksamkeit fehlte.
Was sie genau in diesen Momenten taten, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich danach den Eindruck hatte, meine Zunge würde wachsen; sie wurde flauschig und samtig-schwer, wie die Vorhänge vorm Fenster. Und die Zähne schienen zu wachsen, um diese Zungendecke nicht entkommen zu lassen. Aus der Ferne drangen unbekannte Stimmen an mein Ohr. Langgezogene, tiefe Stimmen, deren gedehnte Klagelaute ich wie in einem Höhlenlabyrinth wahrnahm. Auf dem Höhepunkt dieses Visionenspektakels schlief ich meist ein und erwachte Stunden später mit normalisierter Körpertemperatur.
Am Ende meiner Kindheit blieben diese Wahnvorstellungen bei Fieber aus. Bis gestern.
Mit glühender Stirn lag ich unter den obligatorischen drei Decken und versuchte, den Gesundheit bringenden Schlaf zu finden. Plötzlich war ich mitten in einem Fluss. Weiß schäumend schlugen die Wellen über meinem Kopf zusammen. Ich begann zu schwimmen. Schneller und immer schneller. Doch ich kam nicht von der Stelle. Was ich auch tat, ich kam weder zum Ufer, noch weiter den Fluss hinauf. Als mich die Kräfte verließen, erwachte ich – klitschnass, aber mit deutlich gesenkter Temperatur.
Ich sollte nicht durchs Netz surfen, wenn ich Fieber habe.
Bis dann dann
Eure Vera Chimscholli

About these ads

2 Antworten

Abonniere die Kommentare per RSS.

  1. lars said, on Montag, November 23, 2009 at 10:39

    Also ich habe immer iwelche träume wo ich ganz nervös werde und mich aufsetzen muss. dann träum ich im sitzen mit offenen augen noch so 1-2 minuten weiter. ich denk immer es kommt iwas auf mich zu (keine gegenstände!) und hab nur große zahlen in gedanken. mehr fällt mir dann nie mehr ein.

  2. Simon M. said, on Mittwoch, November 16, 2011 at 18:38

    Ich bekomme auch immer Haluzitationen. Ich träume obwohl ich nicht schlafe. Einmal habe ich geträumt (nicht im Schlaf), dass meine schon verstorbene Oma Selbstmord begehen will, ich ihn aber verhindern will. Man fühlt sich einfach nur dreckig.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: